Geschichten, die grammatische Regeln vermitteln
Subjekt-Verb-Entsprechung
Der Gedanken lesende Papagei
Johannes Merkel
In einer Stadt in Indien lebte ein Kaufmann, der den ganzen Tag in seinem Laden saß um auf Kunden zu warten. Und weil er sich beim Warten langweilte, wünschte er sich schon lange Gesellschaft, die ihm im Laden Abwechslung und Unterhaltung bieten würde.
Als er eines Tages über den Markt ging, sah er einen alten Mann vor einem Käfig mit einem Papagei sitzen, an dem ein Schild hing: Sprechender Papagei. Da dachte sich der Kaufmann: „Dieser Vogel könnte mich unterhalten, wenn ich mich langweile.“ Kaum hatte der Papagei den Kaufmann gesehen, rief er auch schon aus: “Ich könnte dich unterhalten, wenn du dich langweilst.” Da lachte der Kaufmann und kaufte den lustigen Vogel mitsamt dem Käfig und hing ihn in seinem Laden an der Decke auf.
Der Kaufmann hielt es natürlich für Zufall, dass ihm der Papagei zugerufen hatte, was dem Kaufmann gerade durch den Kopf gegangen war. Noch ahnte er nicht, welch wundersame Fähigkeit dieser Vogel besaß. Der konnte nämlich nicht nur sprechen, er konnte sogar Gedanken lesen. Nur eines konnte er nicht: den Mund halten. Sobald er einen Gedanken gelesen hatte, musste er ihn auch schon lauthals herauskrächzen. Ich weiß nicht, ob er diese Gedanken auch verstand. Ich stelle mir eher vor, dass er Gedanken hörte, wie wir laut geäußerte Sätze hören, und die krächzte er dann einfach nach.
Kaum hatte der Kaufmann den Vogelkäfig aufgehängt, kam eine alte Frau in den Laden und fragte, ob sie zwei Meter gute gelbe Seide bekommen könne.
Gelbe Seide hatte der Kaufmann nicht mehr am Lager, doch er hatte noch ein Restchen von einem billigen gelben Stoff, der wie Seide glänzte. Er dachte sich: “Den billigen Fetzen dreh ich der Alten als hochwertige Seide an.”
Aber was krächzte da der Gedanken lesende Papagei? “Den billigen Fetzen drehst du der Alten als hochwertige Seide an.”
Da merkte die Frau, dass sie der Kaufmann betrügen wollte, bedankte sich und ging.
“Wenn du das noch mal machst, dreh ich dir den Hals um!” dachte der Kaufmann.
Und was krächzte der Papagei? „Wenn ich das noch mal mache, drehst du mir den Hals um.“
Da staunte der Kaufmann: Dieser Papagei schien die Gedanken zu lesen!
Ein wenig später kam ein vornehm gekleideter Herr in den Laden.
Der Kaufmann schaute ihn an und dachte: „Der ist bestimmt kein Hungerleider. Mit dem kann ich ein gutes Geschäft machen.“
Und was krächzte der Papagei? „Der ist bestimmt kein Hungerleider. Mit dem kannst du ein gutes Geschäft machen.“
Da lachte der vornehme Herr und meinte: „Was für ein kluges Tierchen! Und Recht hat er: Mit mir können Sie tatsächlich ein sehr gutes Geschäft machen.“
Der Kaufmann fragte ihn nach seinen Wünschen und der vornehme Herr bestellte einen ganzen Ballen teuren Samtstoffes. „Und zur Bezahlung überlasse ich Ihnen diesen wertvollen Rubinring.“
Der Kaufmann betrachtete den Rubin. Ob der wohl wirklich echt war? Oder nur aus Glas? Leider hatte er keine Ahnung von Edelsteinen und konnte einen echten Rubin nicht von einem nachgemachten unterscheiden.
Während der Kaufmann den Ring von allen Seiten betrachtete, dachte der vornehme Herr: „Der Dummkopf versteht nichts von Edelsteinen. Er geht mir bestimmt auf den Leim!“
Und was krächzte da der Papagei? „Du Dummkopf verstehst nichts von Edelsteinen. Du gehst ihm bestimmt auf den Leim.“
Da merkte der Kaufmann, dass dieser vermeintliche Herr ein Betrüger war und sagte: „Mein Herr, der Rubin ist aus Glas!“ Der Kerl warf dem Papagei einen bösen Blick zu und verschwand.
Der Kaufmann aber blickte den Papagei freundlich an und dachte: „Au weia! Wenn du mir nicht geholfen hättest, wäre ich voll in die Falle getappt.“
Und was krächzte da der Papagei? „Au weia! Wenn ich dir nicht geholfen hätte, wärst du voll in die Falle getappt.“
So ging das jetzt den ganzen Tag: Der Papagei verriet dem Kaufmannn die geheimen Gedanken seiner Kunden. Aber leider verriet er auch die geheimen Absichten des Kaufmanns an die Kunden. Damit der Vogel ihn nicht verraten konnte, suchte der Kaufmann, sich keine Gedanken über seine Kunden zu machen, aber das ging meistens schief: Unwilkürlich schoss ihm dann doch ein Gedanke durch den Kopf, den der Papgei auch gleich lauthals herausplärrte. Ihr könnt euch ja ausmalen, was für Kunden zum Kaufmann in den Laden kamen und welche Gedanken der Kunden oder des Kaufmanns der Papagei dann lauthals herauskrächzte?
In seinem Viertel galt der Kaufmann als steinreich und es ging das Gerücht um, er verwahre seinen Reichtum in einer Schatzkiste. Davon hörten auch zwei Räuber und beschlossen, die Schatzkiste des Kaufmanns zu stehlen. Nur wo hatte der Kaufmann seine Schatzkiste versteckt?
Darüber stritten die beiden Räuber. „Ich schätze er hat sie hinter seinem Haus in der Erde vergraben," meinte der eine.
„Ach was! Ich wette, er schläft auf seiner Schatzkiste. Wir müssen ihn nachts in seinem Bett überfallen.“
Weil sie sich nicht einigen konnten, wo der Kaufmann seine Schätze versteckte, dachten sich die Räuber einen Trick aus. Der eine Räuber verkleidete sich als vornehme Dame, ging in den Laden und fragte den Kaufmann: „Können Sie mir einen Sack verkaufen, der 1000 Goldstücke aushält ohne zu reißen?“
“Selbstverständlich,” meinte der Kaufmann. Und damit überreichte er der Dame einen kräftigen Leinensack. Da kam der verkleidete Räuber mit seinem Trick.
“Wissen Sie, ich muss hundertprozentig sicher sein, dass er nicht reißt,“ flötete die Dame und warf dem Kaufmann einen verführerischen Blick zu. „Ich flehe Sie an, füllen Sie mir zur Probe 1000 Goldstücken in den Sack, um zu beweisen, dass er nicht reißt!“
Und dabei dachte der verkleidete Räuber: “Wenn er das Gold in den Sack füllt, verrät er, wo er seinen Schatz versteckt.”
Aber was krächzte da der Papagei? “Wenn du das Gold in den Sack füllst, verrätst du, wo du dein Geld versteckst.”
Da bemerkte der Kaufmann den Trick und die vornehme Dame rannte aus dem Laden.
Draußen wartete der Kumpel des Räubers. „Aussichtslos! Er hat einen Papagei, der Gedanken liest," schimpfte der verkleidete Räuber. "Wir müssen dieses Mistvieh umbringen."
„Falsch,“ antwortete der zweite. „Wir müssen ihn fangen. Er kann uns verraten, wo der Geizkragen seine Schätze versteckt.”
Was für ein guter Einfall! Nur wie sollten sie den Gedanken lesenden Papagei fangen, ohne dass der ihre finsteren Gedanken bemerkte?
“Ganz einfach.“ sagte der zweite Räuber. “Wir müssen jemand vorbeischicken, der keine finsteren Gedanken hat.”
Zufällig hatte der erste Räuber eine Oma, die ein Papageiennarr war. Der Räuber fragte sie, ob sie schon mal einen Papagei gesehen hätte, der Gedanken lesen kann. “Na so was!” wunderte sich die Oma. “Den muss ich sehen!”
Da schickte sie der Räuber zum Kaufmann und gab ihr Futter mit, um das Wundertier damit zu belohnen. Aber er verriet ihr natürlich nicht, dass das Futter mit einem Gift präpariert war, das den Papagei genau 12 Stunden leblos erscheinen ließ.
“Was bist du für ein liebes Vögelchen!” dachte die Oma, als sie im Laden des Kaufmanns den Papagei erblickte. “Ich habe dir auch was Leckeres mitgebracht”.
Und was krächzte der Papagei? “Was bin ich für ein liebes Vögelchen! Du hast mir auch was Leckeres mitgebracht.”
Weil sie ihren Spaß mit dem Vogel hatte, traute ihr der Kaufmann keine finsteren Gedanken zu und hatte auch nichts dagegen, dass sie dem Papagei zu fressen gab.
Aber was passierte nur zwei Stunden später? Das Wundertier ließ die Flügel hängen und fiel von der Stange. Dem Kaufmann kamen die Tränen, aber was sollte er machen? Er wartete noch bis zum Abend, aber als sich der Vogel noch immer nicht regte, ging er in den Garten, grub ein Loch und beerdigte das Wundertier.
Der Kaufmann ahnte nicht, dass er dabei beobachtet wurde. Kaum war es Nacht geworden, kamen die Räuber aus ihrem Versteck und gruben den Papagei wieder aus. Als der Papagei nach 12 Stunden wieder zum Leben erwachte, brachen sie in der Nacht die Tür zum Laden des Kaufmanns auf und stiegen ein.
“Gleich zeigt er uns, wo der Geizkragen sein Geld versteckt!” freute der eine Räuber.
Und was krächzte der Papagei? „Gleich zeige ich euch, wo der Geizkragen sein Geld versteckt!”
Die Räuber ließen den Papagei frei herumfliegen, damit er ihnen zeigen konnte, wo der Kaufmann sein Geld versteckte. Woher sollte das der Papagei wissen? Er hing immer nur an der Decke und sah gar nicht, wohin der Kaufmann sein Geld brachte. Im Kaufmannsladen flog er zu seinem Käfig und setzte sich hinein.
„Aha,“ dachten der Räuber. „Er versteckt sein Geld im Vogelkäfig.“
Und was krächzte der Papagei? „Er versteckt sein Geld im Vogelkäfig.“
Da holten die Räuber den Käfig von der Decke und untersuchten ihn. Aber im Käfig fanden sie nichts als Papageienkacke.
Wütend griff sich ein Räuber den Vogel, schüttelte ihn und dachte: “Wenn du Mistvieh nicht redest, rupfe ich dir die Federn aus.”
Und was krächzte der Papagei? “Wenn ich Mistvieh nicht rede, rupfst du mir die Federn aus.” Dabei bekam er es mit der Angst zu tun und wedelte wild mit den Flügeln. Und weil er so viel Angst hatte, krächzte er so laut und aufgeregt, dass der Kaufmann aufwachte, der über dem Laden schlief.
“Wach ich oder träum ich?” dachte der Kaufmann. “Das hörte sich doch an wie mein verstorbener Papagei!”
Er stand auf und stieg die Treppe zum Laden hinunter. Als die Räuber die Treppe knarren hörten, versteckten sie sich zwischen den Stoffrollen.
Der Kaufmann sah den Papagei im Laden, zitterte vor Angst und dachte: “Bist du der Geist meines toten Papageis?”
Was krächzte da der Papagei? “Ich bin der Geist deines toten Papageis.”
Da warf sich der Kaufmann vor dem Papagei auf die Knie und flehte: “Was willst du von mir? Ich mache alles, was du wünscht!”
Da hatte einer der Räuber eine großartige Idee. Er dachte nämlich absichtlich: “Öffne uns deine Schatzkiste und verschwinde!”
Was krächzte da der Papagei: “Öffne ihnen deine Schatzkiste und verschwinde!”
“Ihnen?” fragte sich der Kaufmann, und er merkte daran, dass Fremde im Laden sein mussten. Und er dachte sich: “Denen werde ich gerade meinen Schatz zeigen”.
Was krächzte da der Papagei: “Denen wirst du gerade deinen Schatz zeigen.”
Da glaubten die Räuber, dass ihnen der Kaufmann zeigen würde, wo er sein Geld aufbewahrte. Sie kamen aus ihrem Versteck und meinten: „Dann rücken Sie mal damit heraus, wo Sie Ihre dicke Kohle verstecken!“
Der Kaufmann tat so, als ob er sie zu seiner Geldkiste führen würde, dabei lockte er sie auf eine Klappe, und als sie darauf standen, betätigte er die Klappe und die Räuber fielen in den Keller. Der Kaufmann rief die Polizei und ließ die Räuber einsperren.
„Diesmal hat mich dieses kluge Tier vor dem Ruin gerettet!“ dachte der Kaufmann.
Und was krächzte der Papagei? „Diesmal habe ich kluges Tierchen dich vor dem Ruin gerettet!“
Zum Dank kaufte der Kaufmann dem Gedanken lesenden Papagei einen goldenen Käfig.
Eines Tages breitete der Kaufmann ein großes Tuch aus und hing es an der Decke zum Aushängen auf. Dabei dachte er: „Dieser Vogel ist mir sehr nützlich, wenn er mir die Gedanken der Kunden verrät. Wie schade, dass dieses Mistvieh auch meine eigenen Gedanken an die Kunden verrät.“
Kaum hatte er das gedacht, horchte er auf den Vogel, aber der saß still in seinem Käfig. Das Tuch hing zwischen dem Kaufmann und dem Vogelkäfig.
„Vielleicht kann er Gedanken nur lesen, wenn er die Leute sieht,“ dachte der Kaufmann und horchte. Wieder blieb der Papagei still im Käfig. Da stellte sich der Kaufmann vor das Tuch, wo ihn der Papagei sehen konnte und dachte: „Ich werde einen Vorhang vor seinen Käfig anbringen, den ich auf- und zuziehen kann.“
Und was krächzte da der Papagei? „Du wirst einen Vorhang vor meinen Käfig anbringen, den du auf- und zuziehen kannst.“
Schon am nächsten Tag ließ der Kaufmann einen Vorhang vor dem Käfig anbringen. Wenn er in Zukunft wissen wollte, was seine Kunden dachten, dann zog er den Vorhang auf. Wenn er aber seine eigenen Gedanken geheim halten wollte, dann zog er einfach den Vorhang wieder zu. Deshalb liefen die Geschäfte immer besser und der indische Kaufmann wurde damit wirklich so stinkreich, wie die Leute in seinem Viertel schon immer gemunkelt hatten.
[Sprachförderung: Bildung der Verbform gemäß dem Subjekt]