Der unzufriedene Leo
Es war einmal ein Junge und der hiess Leo. Leo war immer unzufrieden über
alle und über alles. Wo immer er konnte meckerte und schimpfte er.
Gingen alte Menschen vorbei sagte er ihnen: ihr alten Säcke. Gingen junge
Menschen vorbei sagte er ihnen, blöde Kerle. Gingen Mädchen vorbei sagte
er, dumme Gänse. Alle Menschen hatten immer mehr als Leo. Das meinte er
jedenfalls. In Wirklichkeit hatte er alles. Nur eines hatte er nicht. Nämlich
Freunde. Niemand wollte Freund von ihm sein, denn Leo machte nie richtig
mit. Er hielt sich nie an Verabredungen, er wollte nur immer alle verhauen.
Und dann sagte er auch immer wieder: "Ich brauche gar keine Freunde".
Das stimmte natürlich nicht. Sehr gerne hätte auch er Freunde gehabt und
mit den andern etwas unternommen. Er war nicht ehrlich mit sich selber.
Er wollte nur nicht zugeben, dass er alleine ist und dass er lieber nicht
alleine sein wollte.
Seine Unzufriedenheit steigerte sich und so wurde er ein böser aggressiver
Junge, der alle beschimpfte und allen schlechte Wörter nachrief. Und es
kam sogar vor, dass er prügelte und auf alles einschlug.
Einmal da haute er mit einem Stecken auf einen Hund ein bis dieser eine
grosse Wunde hatte und blutete und ganz laut jaulte.
Das hatte zum Glück das Mädchen von nebenan gesehen. Es war ihr
Hund. Aufgebracht und total wütend kam es angesprungen: "Was bist du
nur für ein böser Tölpel", schrie es ihn an. Ob er nicht wisse, dass er dem
Hund sehr sehr weh getan habe.
"Das machen wirklich nur ganz ganz dumme Jungs", sagte es laut und böse.
Das Mädchen hob den Hund auf und trug ihn ins Haus: "Nur ganz ganz
dumme Jungs", rief sie nochmals zurück.
Das gab Leo zu denken, denn er hielt viel von dem Mädchen von nebenan.
Es war sehr klug, spielte Klavier und sah auch noch sehr hübsch aus.
Alle Jungs aus seiner Klasse waren in sie verliebt. Alle wollten ihr Freund
sein. Er auch, aber das Mädchen wählte nur kluge Jungs aus.
Zu gern wäre er ihr Freund gewesen. Schon lange träumte er davon.
Nur, er hatte nie den Mut gehabt, es ihr zu sagen. Einmal wollte er ihr
einen Brief schreiben und sie fragen, ob sie mit zum See käme. Daraus
wurde jetzt auch nichts mehr. Sicher hasste sie ihn wegen der Sache
mit dem Hund.
Das war auch wirklich zu dumm von mir, dachte er. Das macht man wirklich
nicht. Er wusste es, und er hatte ganz arg ein schlechtes Gewissen. Und
dann schimpfte auch noch seine Mutter und der Vater, weil die Nachbarin
natürlich anrufen und ihn verpetzen musste.
"Du gehst jetzt sofort mit diesem Kuchen zu den Nachbarn und dann
entschuldigst du dich in aller Form", sagte die Mutter schroff. Und jetzt
war sie wirklich stinksauer. Er sah es ihr genau an. Wenn sie so ein Gesicht
machte, dann wusste er, jetzt hats zehn geschlagen.
Aber was für eine peinliche Niederlage. Er und sich entschuldigen. Das war
nun wirklich gar nicht sein Ding. Und dann auch noch mit Kuchen. Ganz
kurz versuchte er noch der Mutter zu widersprechen, ihr Gesichtsausdruck
sagte aber alles und er wusste, dass das gar nichts bringen würde.
Höchstens Taschengeldentzug, Hausarrest und sein Fahrrad auf den
Geburtstag könnte er sich dann auch ans Bein streichen.
Also ging er schweren Schrittes mit dem Kuchen zu den Nachbarn und
klingelte einmal ganz kurz. Nur ganz kurz. Es könnte ja sein, dass sie
vielleicht nicht zu Hause waren, und er gleich wieder gehen konnte.
War aber nichts. Das Mädchen machte auf. Auch das noch, dachte er.
Und grimmig schaute sie ihm mitten ins Gesicht. Sie war sehr sehr
böse auf ihn.
Leo runzelte die Stirne: "Entschuldigung", murmelte er vor sich hin und
reichte ihr den Kuchen. "Was hast du gesagt", fragte das Mädchen ganz
laut, so dass man es durchs ganze Haus hören konnte. "Ich habe dich
nicht verstanden". Das Mädchen rief ins Haus: "Leo ist da und will uns
etwas sagen. Kommt doch mal alle her".
Und dann kam die ganze Familie aus dem Haus. Opa, Oma, die Eltern und
noch vier Geschwister und alle starrten sie auf Leo. Leo wäre am liebsten
in den Boden versunken, so hat er sich geschämt. Er brachte kein Wort
mehr hervor. Das war auch zu peinlich.
Das Mädchen war klug und sagte rasch: "Leo hat uns einen ganz leckeren
Kuchen mitgebracht. Er möchte uns etwas sagen. Und was er zu sagen hat,
das sagen nur Jungs die ganz ganz klug sind".
Ihre Worte wirkten. Leo kam aus sich heraus und zeigte nun eine ganz
andere Seite von ihm. Er entschuldigte sich in aller Form und das werde
bestimmt nie nie mehr vorkommen. Es tue ihm sehr leid. Er sei wirklich
dumm gewesen. Und wie es denn dem Hund gehe, fragte er. Er habe
das wirklich nicht gewollt.
Das hat er auch nicht. Den Hund hat er nämlich immer gemocht und viel
mit ihm gespielt, wenn er alleine war. Er war einfach so wütend, weil die
anderen Kinder ihn nicht haben mitspielen lassen. Dann hat er angefangen
um sich zu schlagen und auf das Nächstbeste einzuhauen.
Hätte er doch nur auf den Boden gehauen oder auf ein Stück Holz statt
auf den lieben Hund. Er war doch sein Freund. Das macht man wirklich
nicht. Die Tiere und Menschen sind nicht Schuld an der Unzufriedenheit
von Leo. Das wusste er genau.
"Komm Leo", sagte die Nachbarin, "entschuldige dich bei Husky persönlich.
Es geht ihm gut, und er wird sich sicher freuen, wenn du jetzt ganz lieb
zu ihm bist. Und danach isst du ein Stück Kuchen mit uns."
Alle stimmten ein: "Ja komm, iss ein Stück Kuchen mit uns."
Ja, das mache er gerne. Zuerst wolle er aber zu seinem Freund. Husky lag
in seinem Körbchen als Leo kam. Ein dicker Verband war um seine linke Pfote
gebunden. Er winselte und zog den Kopf ein als er Leo sah. Wie wenn er
Angst hätte, nochmals geschlagen zu werden. Zum Glück hatte Leo nur
die Pfote getroffen.
"Husky mein Lieber", sagte Leo leise und näherte sich ihm ganz vorsichtig.
Erst hielt er nur seine Hand an seine Schnauze, damit er ihn beschnuppern
konnte. Das war gut, denn jetzt hatte der Hund wieder Vertrauen und Leo
konnte ihn ganz feste in den Arm nehmen und liebkosen: "Es tut mir so leid
Husky, es tut mir so leid", sagte Leo zu dem Hund und dabei liefen ihm die
Tränen über's Gesicht.
Wie wenn Husky es verstanden hätte, stand er auf und leckte Leo freudig
das Gesicht ab. Alle lachten und waren glücklich.
Und Leo war überglücklich, denn jetzt gab es Kuchen und er durfte neben
dem hübschen Mädchen sitzen. Zusammen mit der ganzen Familie an einem
grossen Tisch. Das hatte Leo sich immer gewünscht. Er hatte nämlich keine
Geschwister.
Als er nach Hause ging, dachte er bei sich. Die sind ja gar nicht so böse,
wie ich immer dachte. Die sind sogar sehr sehr nett. Sie haben gesagt,
ich dürfe jederzeit wieder kommen und auch immer mit Husky spielen.
Das freute ihn ganz besonders. Er mochte Husky über alles und er freute
sich jetzt schon auf den nächsten Besuch, denn dann wird er das hübsche
Mädchen wieder sehen. Bis dahin möchte er sich bemühen und ein kluger
Leo werden, damit das Mädchen ihn mag.
Und so ist aus dem unzufriedenen Leo ein kluger und zufriedener Leo
geworden, der all die bösen Streiche nicht mehr nötig hatte